Eine Ode an Norddeutschland

Quelle pixabay.de
Quelle pixabay.de

Norddeutschland ist arm. Eine Landschaft ohne spektakuläre Erhebungen, ein Ökosystem fein und zerbrechlich, kaum Ressourcen, die seine Einwohner sich zu eigen machen können und seine Küsten rau und grau und ungestüm.

 

Bereits die Römer beschrieben den Norden als barbarisch und ohne große Reize, aber doch gab es da Besonderheiten: seine Einwohner hatten Geduld, sie konnten zäh sein und einige hatten eine unvergleichliche Liebe zum Detail und einen klaren Kopf. Das besondere an Norddeutschland liegt genau zwischen seinem weiten Himmel und seinem filigranen Boden: in seinen Bewohnern selbst.


Wo nicht viel ist und es nicht ständig etwas zu tun gibt, da hat man nur zwei Möglichkeiten für den Rest seiner Zeit: entweder man lenkt sich ab oder man wird ein Beobachter und beschäftigt sich mit seiner Umwelt und sich selbst. Das eine stumpft die Sinne eher ab, das andere schärft sie. 


Darum ist es auch kein Wunder, dass sich im Norden neben dem Kunsthandwerk und dem Handel vor allem die Amüsierviertel und später die Unterhaltungsbranche so gut entwickeln konnten.

 

Norddeutschland ist meine Heimat. Ich bin in Bremen geboren, im Bremer Umland aufgewachsen und habe auch viele Jahre in Hamburg verbracht - kurz: ich bin Hanseat. Aber es waren die unzähligen Reisen und die andersartigen Erfahrungen, die mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich heute bin.

 

Ich denke, viele Menschen sehen in Norddeutschland etwas anderes als ich - sie wollen mithalten mit anderen Regionen, wollen sich messen können, sie wollen den Norden gar verändern, modernisieren und anpassen an eine neue, künstliche und andersartige Welt. Ich denke, viele Menschen missverstehen den Norden.

 

Wer offen dafür ist, darf in Norddeutschland durch eine harte aber lehrreiche Schule gehen, in der das Leben dich schleift, wie einen rohen Diamanten. Wer offen dafür ist, lernt in Norddeutschland, was ich gelernt habe: Geduld, Bescheidenheit, Dankbarkeit gegenüber anderen Orten, Feingefühl und eine Liebe zum Detail. Wer offen ist, lernt im richtigen Maß zu geben und zu nehmen, lernt Strategien um mit der Natur zu leben, um stets das beste aus wenig zu machen und einen kühlen Kopf zu bewahren... wer offen dafür ist.

 

Quelle pixabay.de
Quelle pixabay.de

Nur leider ist nicht jeder dafür offen und die Verlockungen und Möglichkeiten der Ablenkung sind vielzählig. Viele Menschen sehen im Norden mehr, bzw. andere Dinge als da wirklich sind. Sie verkennen das Gute an dieser Region und wollen es ständig besser machen. Sie lassen sich vom Rest der Welt zu sehr beeinflussen und in ihrer Gutmütigkeit verführen von einer Wärme, die im besten Fall nur gut gemeint ist.


Dann werden Wälder gerodet, Sümpfe trocken gelegt und Felder überdüngt. Es werden Meere, Flüsse und Seen verunreinigt, die wenigen Bodenschätzen geraubt und alles ständig "verbessert" und angepasst an eine Welt, die in der Ferne liegt. Alles soll einen Nutzen haben, aber für wen?

 

Norddeutschland, das sind für mich die kleineren und größeren Dörfer, nicht die Städte. Die Städte vertreten meist die Interessen derer, die an ganz anderen Orten sind. In Norddeutschland erzieht die Natur selbst dich noch zu einem guten Menschen, wenn du offen dafür bist.

 

Wer sich aber übernimmt wird überheblich und wo Bescheidenheit und Feingefühl die Stärke sein sollten, werden falscher Stolz und Überheblichkeit zur buchstäblichen Axt im Walde und dann vergeht die eigentliche Kraft, die Norddeutschland im Vergleich zu anderen hat.


Damit aus dem kühlen Kopf nicht Angst und Bange wird, braucht der Norddeutsche das Reisen. "Man muss die Welt erst kennenlernen, bevor man die Heimat schätzen kann."

 

Ich schätze den Norden heute mehr denn je, aber er ist nicht mehr, was er einmal war und diese Traurigkeit geht tief.

Für mich ist Norddeutschland eine Wiege der Menschlichkeit - hier mussten Mensch und Natur noch lange Zeit im Einklang miteinander leben - es ging gar nicht anders. Und diesen Einklang findet man noch, die feine Schönheit, das Besondere, wenn man genau hinsieht - sowohl bei den Menschen als auch in der Natur - aber unser norddeutsches Gut ist selten geworden und es braucht viel Geduld und Liebe zum Detail, damit es sich in diesen verletzten und leicht unterkühlten Menschen wieder zeigen kann.

Write a comment

Comments: 0



 Private little studio

in

Dorfstraße 24

D 27327 Marfeld

30km south of Bremen

 

+ mobile services all over

the area and beyond.

 

Supporting and recommending: