2148

Quelle pixabay.de
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Eine Zukunftsgeschichte

 

Das Jahr 2148. An dieses eine Jahr erinnere ich mich noch genau. Besonders an unseren Klassenraum und den Geschichtsunterricht bei Monsieur Mojé. Der Tag, an dem er uns von der Zeit der großen Depression und der Neuordnung erzählte, war ein sonniger Tag im Mai. Die Sonne schien mir auf meine linke Gesichtshälfte. Sie blendete mich so oft an diesem Platz in der Klasse, dass ich mich kurze Zeit später freiwillig umsetzen ließ, weiter an die rechte Wand zu Martin. Aber an diesem einen Tag störte es mich nicht. Vorangegangen war ein langer Winter und alle waren froh über die Wärme und das Licht. Das Fenster zu meiner Linken war gekippt und ich konnte die Möwen und die Kirchenglocken vom Hafen her hören.

 

Das beste an diesem Tag war jedoch die Luft - sie war so frisch und doch auch mild. So nah am Hafen riecht es normalerweise nicht besonders interessant; die Luft ist gewöhnlich frisch, ja, aber wenn es überhaupt riecht dann eher nach diesem typischen Hafengeruch, leicht fischig, salzig, ölig, irgendwie so. Aber an diesem Tag im Jahre 2148 roch sie nach Lavendel. Ich weiß bis heute nicht, woher dieser Geruch kam, vielleicht hatte mir meine Nase auch einen Streich gespielt, aber das ist wahrscheinlich der Grund, warum ich mich an diesen Tag so genau erinnern kann.

 

M. Mojé stand vorne an der Tafel und malte, mehr schlecht als recht, eine Weltkarte über die gesamte Breite der Tafel. Über die Details und seine Kunstfertigkeiten hätte man sich streiten können, aber man konnte deutlich genug die Kontinente erkennen, in der Mitte Europa und Afrika, links Latein- und Nordamerika und rechts der sibirische Kontinent, Asien, Australien.

 

Monsieur Mojé erzählte uns von der großen Depression, die Zeit von 2020-2030. Nachdem der Mensch über Jahrhunderte nicht gut mit sich und seiner Umwelt umgegangen war, kam das Unvermeidliche. Mojé sagte, die Menschen damals waren scheinbar sehr verwirrt und verängstigt gewesen. Sie sahen die Zusammenhänge, die wir heute im Grundunterricht Biologie schon in der Schule lernen, noch nicht. Die Menschen hatten damals noch ein anderes Bild von den Funktionen des Lebens. Er sagte, so konnten sie viele Zusammenhänge noch nicht verstehen und akzeptieren.

Überbevölkerung, drohende Ressourcenknappheit, soziale Spannungen und mehr spalteten die Gesellschaften. Es gab wohl über ein paar Jahre unterschiedliche Interessenverbände, die sich gegenseitig unter Druck setzten. Es schien unvermeidlich, dass Menschen sterben würden und jeder Interessenverband nahm für sich in Anspruch die beste Lösung zu haben für das Überleben ihrer Anhänger, aber am Ende spielte das keine Rolle. Die Menschen starben - immer mehr von ihnen - und die Ursachen waren sehr unterschiedlicher Natur.

 

Nach diesen Jahren der Ohnmacht und Ernüchterung rückten die Menschen 2030 wieder näher zusammen und man sprach offener über neue Ideen und Sichtweisen, man sprach einfach generell wieder mehr und besser miteinander.

 

In den Jahren bis 2050 suchte man konkreter nach Lösungen für die beiden großen Fragen des Jahrhunderts: Wie stoppen wir das Sterben und wie ändern wir unseren Konsum?

Bis heute gibt es eigentlich kaum große Neuerungen und Erfindungen in Bezug auf Antriebssysteme oder die Energieversorgung; wir nutzen immer noch, wie damals, Ressourcen und erneuerbare Energien gleichermaßen. Wir fahren immer noch in Autos und auf Schienen, im Meer mit Schiffen, nur der Flugverkehr war damals wohl deutlich mehr. Irgendwann vor dieser Geschichtsstunde waren wir mal in einem Museum für Fahrzeuge aus dem 21. Jahrhundert gewesen. Ich fand die Formen der Fahrzeuge spannend, vor allem diese Motorräder waren wirklich cool, aber aus meiner Sicht gab es da nicht so die großen Unterschiede zu unseren heutigen Verkehrsmitteln und deshalb war der Ausflug eher langweilig, wäre da nicht der Moment gewesen, in dem Jean-Pierre mit seiner Hose am... na gut, das gehört jetzt nicht zum Thema.

 

 

In diesen besagten Jahren bis 2050 einigten die Nationen dieser Erde sich zum ersten Mal auf den "Globalen Bund", ein Bündnis der Kontinente, das es heute noch gibt. Der Globale Bund plant, koordiniert und entwickelt die Umsiedlung, die wir alle 10 Jahre global umsetzen, weiter.

Am Anfang traf diese Idee wohl nicht auf viele Freunde - nur noch die Hälfte der Erde bewohnen und alle 10 Jahre wieder umsiedeln, fanden die meisten Menschen keine Lösung für eine globale Krise - aber da man bis 2050 von einer Halbierung der Einwohnerzahl ausging und die Erde sich dringend erholen musste, schien es für den Moment die beste Lösung.

 

Monsieur Mojé machte einen Strich mitten durch die Karte, durch die Mitte Europas und Afrikas. Man hatte zunächst überlegt die Erde in Nord- und Südhalbkugel zu unterteilen, aber die Verhältnisse der Landmassen waren wohl zu unterschiedlich und so entschied man sich für die Trennlinie mitten durch die euro-afrikanische Karte.

Nachdem die Staatsoberhäupter schon in der Zeit der großen Depression angefangen hatten Eigentum zu verstaatlichen, war es kein großer Schritt mehr dahin zu sagen: Alle Menschen jetzt für 10 Jahre auf die amerikanische Seite und dann richten wir die Grundversorgung im Osten und lassen die Natur sich dort erholen. Im Anschluss passierte dasselbe mit der westlichen Seite, aber man schaute gleich von Anbeginn an, dass Familien, Unternehmen und andere Institutionen fest zugewiesene Unterkünfte behielten. Es war wohl ein bisschen wie: hier wohne ich eigentlich und zwischendurch gehe ich für 10 Jahre in mein Ferienhaus um da arbeiten zu können.

 

 

Das Reisen, Studieren und Arbeiten war von Nord bis Süd wieder uneingeschränkt möglich, nur auf "die andere Seite" durfte man nicht, es sei denn man war Bauhelfer, Ingenieur oder ähnliches. Bis 2100 dauerte es; erst dann konnten die Menschen sich langsam mit diesem Prozedere abfinden. Die Bevölkerungszahl der Erde pendelte sich wie von alleine bei 3,8 - 4 Mrd. Menschen ein. Dafür waren nicht viele Änderungen von Nöten. Na gut, es gab wohl schon von alleine aus Angst vor dem allgegenwärtigen Tod ein Umdenken damals in Sachen Ernährung, Arbeitszeiten, etc. aber viel mehr brauchte es hier nicht.

 

Kurze Zeit nach diesem erwähnten Geschichtsunterricht im Jahre 2148 kam die Überlegung die Mittellinie als menschenfreie Zone zu deklarieren. Der Atommüll, der über viele Jahrzehnte angesammelte wurde, brauchte eine Lösung. Es kam nach ruhiger gewordenen Jahrzehnten erneut zu Ausschreitungen und Konflikten, die aber zum Glück nicht lange anhielten, da die Forscher vom Globalen Bund schnell eine Alternative fanden. Ich erinnere mich ungern an diese Zeit, es war als junger Mensch nicht schön, zumal wir in der Bretagne und Polen nahe dran gewesen wären an diesen sogenannten Entatomarisierungszonen, wo Atommüll sich selbst an der frischen Luft wieder reinigen sollte.

 

 

Philippe Rochelle war es damals, der den Vorschlag durchsetzte hierfür zunächst den Nord- und Südpol zu nehmen und im Zweifelsfall Australien noch komplett aus dem bewohnbaren Staatensystem herauszunehmen.

 
Heute schreiben wir das Jahr 2200. Australien konnte bisher verschont werden bei der Atommüll Auflösung, zum Glück. Der Plan der Nationen scheint aufzugehen - langsam, sehr langsam - aber er scheint aufzugehen. Die Erde erholt sich seit Jahren und ist ein wirklich schöner Ort geworden, ich kann es nicht anders sagen. Ich werde bald 70 Jahre alt und ich finde, ich habe mich gut gehalten. Ach so, das hatte ich ganz vergessen, mein Name ist Thierry Francois Petrel.

 

Ich bin biologischer Entwickler geworden und lebe heute ganzzeitlich in der Bretagne. Viele Länder wurden mit der Zeit aufgelöst und die Regionen übernahmen wieder die Führung. Wir sprechen auch noch einen französischen Dialekt, da die Hauptsprachen Französisch, Englisch, Spanisch und Russisch geblieben sind. Chinesisch sprechen nur noch wenige Menschen, viele von ihnen leben heute in Australien.

Als biologischer Entwickler habe ich ständiges Aufenthaltsrecht in der Bretagne und muss nicht mehr umsiedeln. Das erste Jahrzehnt alleine in der Bretagne mit meiner Frau Stephanie Cloë Petrel und unseren zwei Jungs war gewöhnungsbedürftig. Heute leben unsere Kinder gerne im zehnjährigen Wechsel zusammen mit ihren Freunden, aber wir erinnern uns auch gerne zurück an diese besondere Zeit alleine miteinander. Die Natur, die Ruhe, der Frieden, das sind die besonderen Eigenheiten meines Berufes, aber man muss die Einsamkeit auch ertragen können, den Fernunterricht gewissenhaft durchziehen können und die Versorgung aufrecht halten können. Da ist nicht jeder für gemacht, aber mitzuerleben wie Natur durchatmen und regenerieren darf, ist ein ganz besonderes Erlebnis.

 

Im kommenden Jahr überlegen wir zum ersten Mal mit unserem ältesten Sohn und seiner Frau mit nach Ostafrika zu gehen. Wir haben ein bisschen Bedenken und tun uns schwer unsere Heimat zu verlassen (ich war schon als Kind kein wirklicher Freund von diesem 10-Jahre-Wechselmodell), aber warum nicht im Alter dem Neuen noch mal eine Chance geben, zumal Süd-Ostafrika sich aktuell wohl zum neuen Europa entwickeln soll und das Klima im Winter milder ist als hier bei uns.

Mein Vater hatte zeitlebens viel Ahnenforschung betrieben und herausgefunden, dass seine Urgroßeltern wohl bereitwillige Pionier dieser ganzen Umsiedlungspolitik gewesen waren. Unsere Vorfahren stammen wohl aus Deutschland und Frankreich und zwischen 2020 und 2030 lebten sie bereits anderen vor, wie es heute alle machen. Er war sehr stolz auf unsere Familiengeschichte, weshalb meine Schwester und ich auch unsere Vornamen von diesen Vorbildern haben. Als ich meine Frau Stephanie kennen lernte sah er ihren Namen als "Zeichen des Himmels" und ich fragte mich lange, wer sie eigentlich mehr heiraten wollte, er oder ich? Dieser verrückte Kauz! Er ist letztes Jahr verstorben und fehlt uns sehr. Wegen ihm heißt unser ältester Sohn Noa, aber Joël als sein jüngerer Bruder war unsere Entscheidung.

 

 

Ich kann mir nicht vorstellen wie schwer die Zeit der großen Depression gewesen sein muss, ich bin erst geboren worden, als das heutige System bereits bestand und bin froh darüber. Ich durfte die Erde während ihrer beginnenden Regeneration kennen lernen und halte sie heute für den einzigen und besten Platz zum Leben, so wie sie ist. Ich schätze den Mut unserer Politiker vor 150 Jahren festgelegt zu haben, dass die Menschen primär wieder als Nomaden leben sollten, damit der Einklang mit der Natur gelingt. Ich bin froh, dass die Wissenschaft heute so ist, wie sie ist und wir nicht mehr in der finsteren Depression leben müssen und ich bin Gott froh, dass wir, obwohl die Ärzte davon ausgingen, dass Stephanie, wie viele andere, keine Nachkommen zeugen kann, dass wir plötzlich doch Kinder kriegen konnten, was heutzutage das größte Geschenk von allen ist. Das ist mein persönliches Wunder, dass wir diese beiden Jungs in die Welt setzen konnten und sie gesund und glücklich sind... wenn auch manchmal ein bisschen zu lebensfroh und stürmisch, aber wir sagen ihnen immer, dass hätten sie von ihren Großeltern und es ist gut, dass sie so sind.

 

Für meine Frau Stephanie




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