Schattenseiten 1

Weil wir Ausnahmen immer wieder zur Regel werden lassen...

 

...und denken, dass es wichtigeres gibt als sich Zeit zu nehmen für das Hier und Jetzt..."

 

In alten Schriften beinahe jeder Kultur werden sie erwähnt - die Schattenseiten des Lebens. Auch bei den Taoisten, die sich bemühten mit der Natur im Einklang zu leben und nach den Regeln der Elemente und den Gesetzen der Polarität handelten, also dem Yin und Yang, um Einklang und Balance aufrecht erhalten zu können. Es war dort das Yin, was als Schattenseiten des Lebens beschrieben wurde.

 

Dieses Wort, die Bedeutung hinter dem Yin, war jedoch für die meisten Menschen nicht greifbar, nicht nachvollziehbar und Religionen wie das Christentum aber auch andere ordnen die Welt einfach ein in Begriffe von gut und böse, Gott und Teufel; Zweidimensionalität ist leichtere Kost für unser Gehirn, als abstraktes Denken und dann auch noch danach zu handeln, ist zuviel verlangt?

 

Yin und Yang stehen jedoch nicht für Polarität im Sinne von gut und böse - sie stehen für die Extreme im Leben, die es im gesunden Rahmen zu erfahren gilt um zur eigenen Mitte und einer eigenen Balance im Leben zu finden, immer und immer wieder, an jedem neuen Tag, in jedem neuen Leben, jeder neuen Generation; ein Gesetz, welches nicht wir bestimmen und erschaffen, sondern die Natur selbst.

 

Die Welt in gut und böse einzuteilen ist keine Lösung, für keines unserer vermeidlichen Probleme. Bezeichnen wir das Yin, wie in den alten Schriften, als Schattenseiten des Lebens, führt das bei den meisten Menschen zu Verwirrung und Verurteilung, statt es zu be-urteilen... woran liegt das?

 

Wir erschaffen unsere eigenen Regeln, weil uns die Regeln der Natur missfallen. Sie sind einfach manchmal nicht einfach genug, kosten Kraft, lassen uns unser Individuum, unsere Identität, unsere Pläne  nicht immer so leben, wie wir es möchten und tun manchmal weh, was im Anschluss Angst erzeugen kann und unangenehme Gefühle und Schmerzen halten uns von dem ab, was wir denken befolgen zu müssen: menschliche Regeln, unser Yang.

 

Ich sage damit nicht, dass es keine zwischenmenschlichen Regeln geben darf und soll - natürlich brauchen wir auch das Yang im Leben, die Umwelt, das was wir schnell mit unseren oberflächlichen Sinnen greifen und begreifen können; zweidimensionales Denken eben...

 

Missachten wir dabei aber die Regeln dessen, was im Verborgenen und Dunkeln liegt, betreiben wir Glücksspiel mit uns und unserer Welt und im ungünstigsten Fall Raubbau am Yin... und darunter werden dann diejenigen leiden und zu kämpfen haben, die wir durch "einfaches" Handeln versucht haben vor leidvoller und schmerzhafter Erfahrung zu bewahren - unsere Kinder. Dabei ist das Yin nichts anderes als unser eigenes inneres Kind.

 

Das große Yang sehe ich mit meinen Augen, spüre ich mit meinem Herzen, höre ich mit meinen Ohren - es ist einfach - es auszumachen und zu erkennen und die Tendenz zur Oberflächlichkeit ist dem Menschen in die Wiege gelegt.

Das große Yin ist subtil und in seiner Art und Auftreten viel kleiner und unscheinbarer - da wir es nicht sehen können, müssen wir es ertasten, da wir es nicht unmittelbar fühlen können, müssen wir es begrenzen und bedrängen um es spürbar werden zu lassen; wir können es nicht riechen und doch gibt es Menschen, die wir "riechen oder nicht riechen" können... es sind die Räume dazwischen, zwischen dem Eindeutigen und dem so leichtfertig, wissenschaftlich Festsetzbaren.

 

Darum liebe ich meine Arbeit und sehe sie als so essentiell und wichtig an; um mir Zeit für Menschen nehmen zu können, Ihnen auch unangenehmere, verborgenere Dinge und Zusammenhänge näher zu bringen bis sie nicht mehr unangenehm sind, sondern verständlich werden, für einen kurzen Moment ins Licht gerückt.

 

Ich liebe meine Arbeit, weil ich über den Körper, über gute Technik und Strukturen das Yin erfahrbar machen kann, damit das Yang nicht im Umkehrschluss verteufelt werden muss, sondern wieder mehr zur gesunden Ausnahme in schwierigen Situationen werden kann, aber nicht zur Richtlinie und Regel für unser primäres Handeln. Das unterscheidet den Erwachsenen vom Heranwachsenden - nicht nur die Oberfläche zu sehen und ihren Bedürfnissen nachzujagen, sondern auch das Verborgene annehmen und mit einbeziehen zu können.

 

Wir sollten weniger denken und handeln in einem oder unmittelbar aufeinander - wir sollten mehr erst denken, das Yin wirken lassen und dann das richtige tun, ganz gleich wie sehr uns das Yang auch drängen mag; es ist nur seine Natur, so wie es die Natur des Yin ist, auf den Sonnenaufgang warten zu können.

 

von Christian Grotheer

 

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