Das innere Kind

Sprechen wir vom inneren Kind, stellen sich die meisten unter diesem Begriff vermutlich ein kleines Kind vor, welches unsicher und vielleicht sogar ängstlich in einer Ecke in uns kauert und auf Erlösung, bzw. Gerechtigkeit wartet...

 

Bei einem solchen Bild, so muss ich offen gestehen, würde es mir auch schwer fallen mich dem zu widmen und möchte daraus eine These ableiten, nach der die Menschen sich genau darum immer noch so schwer damit tun sich ihrer selbst zu öffnen und auch nach der Pubertät noch weiterzuwachsen, was aus meiner Sicht nicht nur möglich sondern sogar notwendig wäre zu unser aller Wohl.

 

Um dieses Bild ein wenig entschärfen zu können, müssen wir wieder wohlwollender auf uns und unsere menschliche Natur schauen und diese nicht nur wissenschaftlich oder spirituell oder oder oder betrachten; damit grenzen wir die Sichtweise ja schon im Kern ein.

Das reine und bloße Beobachten, die Kontemplation, der nach innen gerichtete Blick ist nicht darum in den Philosophien und Religionen so häufig zu finden, damit wir das Gute oder Böse in uns entdecken; es geht schlicht und ergreifend um Erkenntnis und Entdeckung dessen, was da ist und damit auch dessen, was möglich ist, ohne es bewerten zu müssen. Diese Grenzen verändern sich nicht nur in unserer Kindheit, wir wachsen ein Leben lang.

 

Das innere Kind ist nichts weiter als die sogenannte andere Seite der Medaille, führen wir ein all zu einseitiges Leben. Dazu ist es erschütternd für mich immer wieder in meiner Arbeit feststellen zu müssen, wieviele Menschen sich eine bestimmte gesellschaftliche Position, mögliche Berufe oder anderes im Leben haben auferlegen lassen, wo die wahren Möglichkeiten langfristig doch deutlich weniger begrenzt waren.

Natürlich bringt ein jeder von uns zunächst bestimmte Ausprägungen mit, die ihm bereits als junges Wesen in einer Gesellschaft einen Stellenwert ermöglichen; ich sehe jedoch nicht die Lösung in einer Form der Erziehung, welche erkennbare Tendenzen fördert, den Menschen als Gesamtes jedoch nicht mehr wahrzunehmen bereit ist.

 

Schuster bleib bei deinen Leisten, heißt es da so schön und was erwächst daraus? Menschen, die mit 30 oder 40 Jahren schon gefühlt am Ende ihres Lebens angekommen sind und denen es schwerfällt noch einen Sinn in all dem zu entdecken außer dem wohlbekannten einfach weiterzumachen und weiterzumachen und weiterzumachen... so kommt verständlicherweise keiner von uns zur Ruhe.

Die Kehrseite eines solchen "übererwachsenen" Menschen (auf einer Seite) ist natürlich in der Schlussfolge eine Art kindliche und man möchte sagen vernachlässigte Seite seiner bzw. ihrer selbst, welcher wir dann aus falschen Strukturvorstellungen heraus, darüber was richtig und falsch ist, keinen Raum (und damit vielleicht auch ein wenig Schwäche?) mehr eingestehen.

 

Das innere Kind ist nichts weiter als einseitig unterdrückte Bedürfnisse; unsere Wünsche nach Entdeckung, Selbsterkenntnis und Selbstverständnis. Ein Sich-messen mit der Umwelt ohne dabei missachtet oder missbraucht zu werden - schließlich wollen wir alle nicht mehr und nicht weniger als verstehen, wie es funktioniert.

 

Ich sage, selbst wenn du geschlagen wurdest oder dir sonst wie schlimmes Leid zugetragen wurde, hast du ein Anrecht auf die Erfüllung deiner Grundbedürfnisse; selbst wenn du missachtet wurdest und heute immer und immer wieder um Aufmerksamkeit bittest, ist genau das richtig, denn wir brauchen ein Gegenüber im Außen um wachsen zu können. Du möchtest echt sein und ganz sein und Mensch sein?

 

Dann verstehe, dass du deinen Bedürfnissen folgen musst um wachsen und vielleicht einmal weniger "brauchen" zu können, weil du "gefunden" hast. Stück für Stück hast du die Teile wiedergefunden, die womöglich verloren gingen um ein Ganzes daraus ermöglichen zu können. Jetzt kannst du Bedürfnisse grundlegend befriedigen und damit loslassen; und ich spreche hierbei nicht von oberflächlicher Befriedigung, die ich immer wieder gerne als die bildliche "Möhre vor des Esels Schnauze" bezeichne. Lass dich nicht austricksen - es geht um wahre menschliche Zusammenkünfte und Vereinigungen, nicht um das Nachjagen gemeinsamer Interessen nur um nicht allein zu sein. Lerne Wahres angemessen einzufordern um echt werden zu können - damit Substanz wieder einen wahren Wert gewinnt und nicht mehr Ablenkung noch Täuschung durch einen "Schein von Glanz" von Nöten sein muss.

 

Hab den Mut und finde deinen Weg, dann wirst du irgendwann entdecken, dass wir alle das selbe suchen und anstreben und dann wird es keine statische, alte Außenhaut und kein inneres Kind mehr geben, sondern einen wundervollen, reifenden Menschen, der die Freiheit besitzt alles sein zu können, was möglich und im jeweiligen Moment nötig ist, ohne sich selbst dabei zu verlieren. Dann bin ich heute vielleicht ein Kind und morgen ein alter Mann und verstehe, dass es das ist, was ist und das es richtig so ist und dann kommt der Moment, in dem dieses leichte und wissende Lächeln entsteht, dass dich bis in den Kern der Sache berührt... und es kommt nicht von außen, nein - es kommt dann aus dir selbst, aus deiner absoluten Tiefe, geht weit hinaus bis in die Welt und kommt wieder zu dir zurück.

 

von Christian Grotheer

 

Hier geht es zur Gesamtübersicht meiner Blog-Artikel.

Kommentar schreiben

Kommentare: 0