Beseelt oder Befangen? Das Verhältnis zwischen Therapeut und Patient

Überarbeitete Version Juli 2016:

 

Bei der Überarbeitung meines ursprünglichen Texten ist mir einmal mehr aufgefallen, wie wunderbar fehlbar wir alle doch sind und dass ein genaues Hinschauen immer wieder Wunder bewirken kann.

 

Das Verhältnis Therapeut zu Patient ist zunächst wie jede andere vertragliche Geschäftsbeziehung auch; der eine sucht etwas, der andere bietet etwas an. Schnelle Hilfe ist gerade in Krisenzeiten dabei herzlich willkommen, aber wie geht es dann weiter?

 

Ethische, moralische, körperliche und vor allem individuelle Grenzen nicht zu weit zu strapazieren, macht womöglich das aus, was wir "professionell" nennen und meine ganz persönlichen Erfahrungen und Prägungen bilden dabei den Nährboden für einige Reize empfänglicher zu sein als für andere.

 

Sich beseelt oder befangen zu fühlen (oder fühlen zu wollen) ist aus meiner Sicht bereits ein Extrem, hervorgerufen durch fragwürdige Einstellungen in mir selbst. Dahinter stehen wohl eher der Wunsch nach dem Gefühl von Verständnis, Vertrauen und Sicherheit auf der einen Seite und auf der anderen Seite eine gesunde Abwehrhaltung und Vorsicht gegenüber mir fremdartigem Verhalten, damit ein Gefühl von Grenzüberschreitung und Befangenheit gar nicht erst entstehen kann.

 

Erschreckender Weise kann das eine auch gerne zum anderen führen; der Wunsch, dass ein anderer Mensch mich "erfüllt", mich "heilt" oder mich einfach nur (unter)hält, zeigt eine Form von Uneigenständigkeit und macht mich selbst an Stellen viel zu offen für Prägungen durch andere. Dieses Phänomen wird in der Kommunikationspsychologie gerne auf ungelöste, übergriffige oder sogar paradoxe Kommunikationserfahrungen zurück geführt ( siehe auch "Double Bind").

Andersherum gefragt, ist es nicht auch schon eine Form von Befangenheit, wenn ich mich aus der Überzeugung heraus, das "Richtige" erfahren zu haben, nicht mehr für Neues öffnen kann?

 

In der Situation Therapeut - Patient können solche Widersprüche in sich schnell zum Knackpunkt einer Sitzung werden, gerade wenn der Behandelnde gefühlt nicht "natürlich und authentisch" agiert (man könnte auch sagen, nicht so agiert oder argumentiert, wie ich es schlicht und ergreifend gewohnt bin). Mehr Informationen über diese Phänomene bieten da die einschlägigen Werke der Kommunikationspsychologie von Bateson, Schulz von Thun und vielen anderen.

 

Zusammenhänge aus den Kognitionswissenschaften über die zunehmenden Belastungen unserer Sinnes- und Wahrnehmungsorgane durch elektronische Medien und entsprechend überzogener Erwartungshaltungen unserer Umwelt gegenüber finde ich hierfür ebenfalls interessant.

 

Am Ende aller Tage habe ich für mich festgestellt, dass die einen oder anderen Impulse von außen schlichtweg teils leichter oder schwerer zu verdauen sind. Wenn Sie das Gefühl haben, eine Sache überfordert Sie und es besteht die Notwendigkeit äußerer Hilfestellung, empfehle ich Ihnen:

 

Suchen Sie sich einen Menschen, der in seinem/ihrem Handeln und Reden klar und stimmig scheint. Legen Sie vielleicht etwas weniger Wert auf mögliche Antworten, dafür aber um so mehr auf ein gutes "Feedback". Hören Sie auf Ihr Bauchgefühl und geben Sie durch Nachfragen sich selbst die Chance, immer auch mal wieder dazu zu lernen und merkwürdige Situationen lösen zu können, um vielleicht bereits bestehende Befangenheiten wieder frei zu geben. Beim Anschein von Abhängigkeit oder Befangenheit, ergreifen Sie die Chance herauszufinden, wo Sie im Leben womöglich zuviel von sich selbst erwarten. Machen Sie sich klar, dass es jedem Menschen jeder Zeit frei steht, den Therapeuten, bzw. "(Vertrags)Partner" (denn mehr ist es am Ende nicht) wieder wechseln zu dürfen und denken Sie vielleicht mal über Verbundenheit nach. Ich wünsche Ihnen viel Glück auf Ihren Wegen zu sich selbst.

 

von Christian Grotheer

 

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