Das Problem mit der Wahrheit

Wahrheit – ist das nicht etwas Unanfechtbares? Eine feste Instanz in unser aller Leben, auf die wir bauen können und welche keine zweite Meinung kennt?

 

Vielleicht verwechseln die meisten von uns da aber auch Wahrheit und Wirklichkeit, denn die Wahrheit liegt im Auge des Betrachters und ist sehr relativ. Aus meiner Sicht ist Wirklichkeit, und die daraus so gerne resultierenden Eigenschaften von gut und böse, richtig und falsch, so etwas wie ein Wert an den man sich annähern kann, ihn aber nie gänzlich zu erfassen mag, denn alles, was sich in Wort und Bild bringen lässt, beschreibt es nur „annähernd“ doch nie zur Gänze, und im Gegenzug dazu ist Wahrheit subjektiv und was für den einen wahr ist, muss es für den anderen nicht automatisch auch sein.

 

Hier kommt der Stand der persönlichen Entwicklung mit ins Spiel, welcher auch gerne als „Horizont“ bezeichnet wird. Der Horizont jedes einzelnen Menschen ist je nach Hintergrund seines Naturells und seiner Erfahrungen individuell und wie ein persönlicher Fingerabdruck. Daraus ergibt sich auch eine sehr individuelle und persönliche Sichtweise und „Wahrnehmung“ der Dinge.

 

Die Taoisten haben diese Annäherung an die Wirklichkeit gerne mit „die 10.000 Dinge“ übersetzt, was meines Erachtens nach die Vielfalt der möglichen Blickwinkel beschreibt, mit denen wir uns den Dingen zuwenden können, welche in eben dieser Weltanschauung als das „Tao“ bezeichnet wird, man könnte von der „reinen Wahrheit“ sprechen, welche jedoch im Moment der Erkenntnis sofort wieder verfliegt und von solch einer Fragilität ist, das sie für den Menschen nicht greifbar ist und keine Beständigkeit hat.

 

Warum gibt es noch kein Buch und keine Lehre auf Erden, die uns den „wahren Weg“ zeigt? Wo steckt die Lösung unserer Probleme und wieso finde ich auf jedes Argument immer wieder ein Gegenargument? Ganz einfach: die Wahrheit ist nichts Festes! Sie erscheint uns in Momenten, Sekundenbruchteilen, erhellt urplötzlich wie ein Lichtblitz unser sein und ist im selben Atemzug schon wieder vorüber und Vergangenheit.

 

Was ist es dann aber für ein Reiz, der von dieser Sache ausgeht? Es ist genau das – dass wir uns ihr nur nähern können, jedoch nie in der Lage sein werden Besitz von ihr zu ergreifen. Alles versuchen wir immer zu verstehen und be“greifbar“ zu machen; ständig wollen wir nur besitzen um die Kontrolle über alles und jeden zu haben, doch Yin und Yang sind eins und ihre „Mitte“ wird uns immer in Bewegung halten, denn sie selbst ist immer in Bewegung. Leben ist Bewegung, Wahrheit ist Bewegung und keine feste Instanz. Sie muss immer aus dem Moment heraus gefunden werden – nicht aus Gesetzen oder Reglements heraus.

 

In Spanien sagt man: Eine rote Ampel ist ein gutgemeinter Vorschlag, aber kein Grund zum Anhalten. Dieser Satz hat einst bei mir vieles angeregt, was mit Wahrheit, Recht und Tatsachen zusammenhängt... ich bin gespannt, wie ihr das seht :)

 

Copyright, Christian Grotheer. 2013

 

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Kommentare: 3
  • #1

    Aca (Dienstag, 16 Juli 2013 01:15)

    Die Wahrheit beginnt für mich da, wo das Rumgeeier aufhört. Aber wer möchte das schon, einen festen Standpunkt einnehmen, sich festnageln lassen, ein klares Bekenntnis aussprechen. Leider die Wenigsten, denn dann gibt es keine Aus-flüchte, keine Möglichkeit der Flucht mehr. Wahrheit setzt eine eindeutige Entscheidung voraus, und vor dieser Entscheidung drücken sich viele so lang, bis es nicht mehr geht. Ein-deutig, nicht zwei-deutig, nicht mehr-deutig. Und daher ist das was als Gott im Christentum bezeichnet wird die Wahrheit, und alles was zusammenführt statt spaltet, also die Liebe, führt zur Wahrheit. Der Kreis um das Yin Yang ist im Tao daher symbolisch die Wahrheit. Nur Blinde erkennen sie nicht, so wie bei dem Gleichnis mit dem Elefanten.

  • #2

    Christian (Dienstag, 16 Juli 2013 10:28)

    Würdest du uns an dem Gleichnis mit dem Elefanten teilhaben lassen? Ich erinnere mich nur unklar an dieses Gleichnis und vielleicht könnte ich dann sogar darauf eingehen, verstehe aber in jedem Fall schon mal die Reaktion und deinen Standpunkt, welchen ich selber lange Zeit ähnlich direkt und unmittelbar vertreten konnte.

  • #3

    Frieda (Montag, 15 Februar 2016 21:59)

    Eine Wahrheit kann erst wirken wenn der Empfänger für sie reif ist. Das heißt dann aber sich ab und zu ein wenig in vergangenem Bewegen und prüfen was gesendet wurde.
    Auch eine Form von Wahrheit ist relativ.